Was ist das überhaupt und wie ist der Stand der Wissenschaft?

Seneszenz ist einer der zellulären Mechanismen des biologischen Alterns. Durch Freisetzung von Botenstoffen tragen seneszente Zellen zum Altern selbst und zu vielen „Alterserkrankungen“ bei (Entzündungen, Diabetes, Degenerative Erkrankungen usw.). Es exisiteren Substanzen, die seneszente Zellen relativ selektiv beseitigen können. Studien mit diesen Substanzen laufen bereits am Menschen.

PD Dr. med. Ch. Schmidt

Kirkland JL, Tchkonia T. Senolytic drugs: from discovery to translation. J Intern Med. 2020

Seneszenz – was ist das?

Seneszenz leitet sich vom lateinischen senescere (altern) ab. Altern ist Ergebnis diverser im Körper ablaufender Prozesse. Diese haben wir ausführlich in einem anderen Artikel beschrieben. Zusammengefasst sind diese Alterungsprozesse:

  1. Chronische Entzündung (InflammAging)
  2. Fehlfunktion verschiedener großer Moleküle und Reaktionswege (DNA Schaden, Telomerverkürzung, Eiweissfehlfahltung, weniger effiziente Autophagie etc)
  3. Zelluläre Fehlfunktion in Bezug auf Vorläuferzellen für bestimmte Systeme (z.B. Blutstammzellen, Immunsystemstammzellen usw.) und
  4. Seneszenz

Sensezenz wurde in den 1960er Jahren entdeckt. Wenn Zellen nicht mehr wie gewünscht funktionieren oder entarten, dann werden sie vom Körper normalerweise abgebaut, und zwar durch Prozesse wie Autophagie und Apoptose (programmierter Zelltod). Seneszenz „beseitigt“ fehlfunktionierende Zellen etwas anders: sie werden ihrer Fähigkeit beraubt, sich weiter zu teilen, werden allerdings gleichzeitig auch gewissermaßen resistent gegen o.g. Abbauprozesse.

Dieser Seneszenz-Mechanismus ist insofern sinnvoll, als dass z.B. entartete Zellen sich nicht weiter teilen können und so z.B. nicht zu Krebsgeschwüren auswachsen. Ergebnis ist, dass diese Zellen einfach „wie gelähmt“ im Gewebe sitzen bleiben und sich im Laufe der Zeit ansammeln. Sie sind quasi aus dem Verkehr gezogen, aber sie sind eben noch da und werden nicht von der Müllabfuhr beseitigt.

Sind sensezente Zellen wirklich „aus dem Verkehr gezogen“?

Ja und nein. Diese Zellen teilen sich nicht mehr, mischen aber trotzdem noch im Körper mit. Wie das? Seneszente Zellen produzieren eine Reihe von Botenstoffen, die Wirkungen auch auf entfernte Regionen haben können (sog. SASP – senescence associated secretory phenotype). Es gibt Hinweise, dass diese Botenstoffe teilweise positiv wirken, z.B. beim Gewebeumbau im Rahmen der Wundheilung, bei der Krebsabwehr usw.

Ein Großteil der Botenstoffausschüttung, scheint aber negative Effekte zu haben. Sie befeuert chronische Entzündungsprozesse, wechselwirken negativ mit bestimmten Vorläuferzellen, verändern die Blutgerinnung, wirken ungünstig auf bestimmte Gewebsumbauprozesse, etc. Was heißt das? Diese Zellen sorgen wahrscheinlich mit dafür, dass Falten, Schuppenflechte, Krebs, Diabetes, Schlaganfall, Alzheimer, Bluthochdruck und ALTER per se schneller auftreten oder fortschreiten. Und im Laufe der Zeit werden immer mehr Zellen seneszent, sammeln sich an und schütten immer mehr Botenstoffe aus. Ein Teufelskreis.

Gibt es Medikamente gegen Seneszenz?

Ja, in Zellexperimenten und auch in Tierversuchen konnten bestimmte Stoffe identifiziert werden. Dazu gehören u.a. Dasatinib (ein Medikament aus der Krebsbehandlung) und einige „natürliche“ Stoffe aus Pflanzen wie z.B.

  • Quercetin (rote Zwiebeln)
  • Fisetin (Erdbeeren)
  • Luteolin
  • Curcumin (Kurkuma)
  • Navitoclax

Diese Substanzen konnten tatsächlich einen Abbau seneszenter Zellen befördern. Eine Anwendung von Dasatinib und Quercetin bei alten Nagetieren konnte seneszente Zellen im Gewebe verringern – und das hatte tatsächlich positive gesundheitliche Auswirkungen: das Herzgewebe „verjüngte“ und die Funktion besserte sich, die Insulinresistenz („Diabetes“) nahm ab, Entzündungsmarker fielen, und „Frailty“ (allgemeine Altersschwäche) konnte teilweise verhindert werden. In fast allen Körpersystemen konnten positive (verjüngende) Effekte demonstriert werden. Gleiches gilt für einen sehr nebenwirkungsarmen Wirkstoff aus Erdbeeren – Fisetin.

Studien mit Menschen laufen schon

Mehrere Studien am Menschen haben schon stattgefunden und laufen noch (z.B: https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03430037 oder https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31542391/). Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, insofern, als dass sich die getesteten Substanzen als fast nebenwirkungsfrei erwiesen und seneszente Zellen tatsächlich reduziert wurden.

Die grundsätzlichen Fragen sind aber folgende: Lassen sich auch beim Menschen – wie in den Tierexperimenten – „verjüngende“ und krankheitsverhindernde bzw. verlangsamende Effekte nachweisen? Einige der von seneszenten Zellen ausgeschütteten Botenstoffe (H-Phenotyp) haben auch positive Effekte: Was passiert, wenn man diese Zellen beseitigt? Gibt es ein Zeitfenster, in dem eine solche „senolytische“ Therapie sinnvoll ist (als Jungendlicher? mittleres Erwachsenenalter? oder erst bzw. immer noch beim „alten“ Menschen?). Diese Fragen werden gerade erforscht.

Angesichts der Existenz billiger, sehr nebenwirkungsarmer Stoffe, die sich aus Pflanzen extrahieren lassen, sowie ermutigender erster Ergebnisse, ist hier ein gewisser Optimismus gerechtfertigt, diesen Teilmechanismus des Alterns und damit verbundene Erkrankungen in naher Zukunft behandeln zu können.

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